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Die Schwanenburg

von Horst Bohne

 

Schwanenburg_Wessel_1914Bild vergrößernDie 'Schwanenburg' mit Konzertsälen und Kaffeegarten auf einer colorierten Postkarte von 1914

[Quelle: Sammlung Jürgen Wessel]

 

Nachfolgenden Generationen ist der Name "Schwanenburg" nur noch als 'Schwanenburgkreuzung' - zuvor 'Schwanenburgkreisel' - an der Straßenecke Westschnellweg/Bremer Damm geläufig. Was sich hinter dem Namen eigentlich verbirgt, sei hier einmal nach alten Berichten und Unterlagen wieder hervorgeholt.

Vor langer Zeit lag in der Nähe der späteren 'Schwanenburg' die im Jahre 1022 urkundlich erwähnte kleine Ortschaft Erder. Sie wurde 1387 im Lüneburgischen Sezessionskrieg völlig zerstört. An diese Wüstung erinnert heute noch die Erderstraße, die von der Limmerstraße nach Norden abgeht.

Das Gebiet der späteren 'Schwanenburg' diente innerhalb des damaligen Amtes Blumenau den beiden Gemeinden Limmer und Linden als gemeinsamer Hudeplatz. Es hieß damals "Unter den Weiden", woran die heutige Weidestraße erinnert. Der Amtshaushalt Blumenau hatte die Berechtigung, eine Herde Schafe über die Hude der im Amtsbezirk liegenden Gemeinden zu treiben. Aus diesem Grund wurde dem Amt bei der Lindener Gemeinheitsteilung ein Anger auf der Limmer Weide - dem späteren Schwanenburg-Garten - zugewiesen.

Dieses Gebiet erschien dem Schiffsbaumeister Johann Wilhelm Friedrich Hartje (ca. 1792 bis 1852) aus Hudemühlen wegen seiner Lage unmittelbar an der Leine zum Schiffsbau besonders geeignet. Um 1830 pachtete er deshalb den Anger für 5 Thaler jährlich. Als sich das Geschäft gut anließ, versuchte er am 1. Februar 1834 den Platz käuflich zu erwerben. Das Amt forderte jedoch die Gemeinde Limmer auf, den Anger von 1 Morgen und 6 Ruthen Größe selbst zu erwerben. Diese bot 50 Thaler, Hartje daraufhin 100 Thaler. Es wurde dann für den 11. November 1836 eine öffentliche Versteigerung angesetzt. Nach anderen Geboten zu 150, 155 und 202 Thalern erhielt Hartje am 5. Januar 1837 letztlich den Zuschlag bei einem Gebot von 205 Thalern.

So konnte er 1838 auf dem Gebiet der späteren 'Schwanenburg' an der Wunstorfer Straße Nr. 16 eine kleine Schiffswerft erbauen. Dort wurden auch die so genannten "Bremer Böcke" hergestellt. Dabei handelte es sich um kleine Frachtschiffe, die für den Warentransport zwischen Bremen und Hannover auf Weser, Aller und Leine/Ihme besonders geeignet waren. Mit solchen Schiffen wurde auch ein erheblicher Teil an Waren der Egestorffschen Unternehmen auf den Flüssen zwischen Hannover-Linden und Bremen befördert.

Nach Hartjes Tod 1852 war seine Witwe Eleonore Hartje Besitzerin des Grundstücks, dann ab 1868 Georg Christoph Adolf Hartje, ebenfalls Schiffsbaumeister. 1884 geht der Besitz an den Schwiegersohn über, den Kaufmann Johann Friedrich Andreas Geffers und dessen Ehefrau Sophie Geffers, geb. Hartje.

Nun änderten sich die Verhältnisse auf dem Grundstück erheblich: Geffers legte an der Leine einen Lustgarten an. Dazu ließ er das sumpfige Gebiet aufschütten und an der Fösse zwei Teiche ausheben. Vom Abbruch der alten Wache an der Marktkirche kaufte er Veranda, Treppe und Balkon, die er als Anbau an seinem Haus wieder errichten ließ. Später lebte dort der Werkmeister Wilhelm Gieseler (Wunstorfer Straße 18). Geffers wohnte nebenan in dem Haus, in dem die Lagerräume waren, während das gegenüber liegende Gebäude - das spätere Wohngrundstück der Familie Rüdenberg - Nebenräume und Ställe enthielt.

Nach Geffers Tod verpachteten die Erben vor 1890 die Gartenanlage an den Wirt August Stein aus Hannover, der den Namen "Schwanenburg" erfand. Den restlichen Teil erhielt die 1895 gegründete Maschinenfabrik Jünke & Lapp, die später zur Weidestraße verlegt wurde. August Stein führte 1887 vor der 'Schwanenburg'  das Restaurant 'Zum Uniongarten' in Hannover, Maschstraße Nr. 12.

 

Schwanenburg_Wessel_1899Bild vergrößernLithografie mit Motiven der 'Schwanenburg' auf einer Postkarte von 1899

[Quelle: Sammlung Jürgen Wessel]

 

Im Jahre 1896 kaufte der Unternehmer Max Rüdenberg den gesamten Komplex. Der Bereich Wunstorfer Straße Nr. 2 - 14 gehörte zum Schwanenburggarten (heute nur noch Wunstorfer Straße Nr. 14), die Nr. 16 zur Gaststätte 'Schwanenburg'. Max Rüdenberg baute noch ein zusätzliches Wohnhaus (Wunstorfer Straße 16 A) und errichtete auf dem Gelände der bisherigen Maschinenfabrik am Leineufer eine Bettfedernfabrik unter seinem Namen (Wunstorfer Straße 18). Die Lage unmittelbar an der Leine war ideal für die zur Federnreinigung nötige Wasseraufnahme und -entsorgung. Das galt auch für die benachbarte Färberei Stichweh und für andere Betriebe wie die  Bettfedernfabrik Werner & Ehlers (heute Kulturzentrum FAUST).

Im selben Jahr 1896 stürzte die baufällig gewordene Limmer Brücke zwischen der 'Schwanenburg' und der Steintormasch ein, wobei ein totes Kind zu beklagen war. Hermann Löns nahm das zum Anlass, im Februar 1898 folgendes Gedicht zu verfassen:

     Vor Limmer stand einst eine Brücke,
     die fiel ins Wasser hinein,
     dabei ist zu Tode gekommen
     ein unschuldig Kindelein.
     Die Jahre kamen und gingen,
     die Brücke ward nicht gebaut,
     warum? Darüber ward manche
     verkehrte Vermutung laut.
     Man sagte, uneinig seien
     die Regierung und die Stadt,
     und das sei der Grund, dass die Brücke
     man nicht wieder errichtet hat.
     Ihr irrt euch, liebe Leute;
     der Grund ist; hört mich an:
     man will die Brücke nicht bauen,
     damit sie nicht einstürzen kann.

Schon früher hatte sich die hannoversche Garnison beim Lindener Rat  über den schlechten Zustand der Brücke beklagt. Die Limmer Brücke bildete schließlich eine wichtige Verbindung zwischen Linden und Herrenhausen. Mal hieß sie die "weiße Brücke", mal die "rote Brücke", je nach Anstrich. Ein Segment davon war als Zugbrücke konstruiert, um die zwischen Bremen und Hannover verkehrenden Handelsschiffe mit ihren Masten passieren lassen zu können. Nach dem Brückeneinsturz hatte sich der 'Schwanenburg'-Wirt verpflichtet, als Ersatz dort eine Fähre zu betreiben, die bis 1913 bestand. Dann musste sie ihren Betrieb wegen des Lindener-Stichkanal-Baus einstellen.

Die alte  Verkehrsverbindung  zwischen Linden und Herrenhausen wurde letztlich durch den Bau des Westschnellweges auf genau derselben Strecke wieder erneuert: Holzbrücke - Fähre - Autoschnellweg lautet die chronologische Reihenfolge.

Auf dem Gelände der 'Schwanenburg' ließ Max Rüdenberg 1898 ein zusätzliches großes Gebäude mit zwei Konzertsälen erbauen. Sie wurden allerdings bereits ab dem Frühjahr 1915, während des ersten Weltkriegs, und noch mindestens bis 1920 als Schul-Reservelazarett genutzt.

Die wunderschöne Lage am Leineufer und die großzügigen Parkanlagen mit Kaffeegarten, Musikpavillon, Gast- und Konzerträumen wurden schnell zu einem beliebten Anziehungspunkt nicht nur für Limmeraner und Lindener, sondern für den gesamten hannoverschen Raum.

 

Schwanenburg_Popp_1913Bild vergrößernDas Gelände der Schwanenburg, von der Leine aus gesehen, auf einer colorierten Postkarte von 1913. Die Boote im Vordergrund wurden in das Bild hinein retuschiert.

[Quelle: Nachlass Ilse Popp]

 

Der erste Weltkrieg und die schlimmen Nachkriegsjahre mit Inflation und Arbeitslosigkeit brachten den ehemals so florierenden Gastbetrieb zum Erliegen. 1925 wird als Gastwirt der 'Schwanenburg' Wilhelm Brönstrup genannt. Er übernahm später die Gaststätte 'Bremer Schiff' in der Blumenauer Straße. 1936 wird der Restaurantbetrieb der 'Schwanenburg' laut Adressbuch von Erich Schaefer geführt. Nach dem zweiten Weltkrieg, im Jahr 1953, gab es wieder ein Bierlokal mit W.A. Markgraf als Gastwirt.

An der Wunstorfer Straße Nr. 16 wird für die Jahre 1939, 1940, 1941 und 1942, also während des zweiten Weltkriegs, keine Gaststätte mehr im hannoverschen Adressbuch aufgeführt. Statt dessen erscheint 1939 und 1940 die Firma H. (Heinrich) Sukohl & Co. Flugzeugteile, die dann im April 1942 in Berlin-Schöneberg und Luckenwalde registriert ist - offensichtlich ein Rüstungsbetrieb.

Über lange Jahre, mindestens aber von 1942 bis 1953, war im Hause Wunstorfer Straße Nr. 16 A das Geschäft F. Ehnert - Papierwaren und Bürobedarf ansässig.

Die in Hannover hochangesehene Familie Rüdenberg war jüdischen Glaubens. Max Rüdenberg war unter anderem Ratsherr der Stadt, Mitbegründer des Kestner-Museums, Schatzmeister und im Vorstand der limmerschen Warteschule, einer sozialen Einrichtung, ebenso Geschäftsführer der privaten Küchengarten-Güterbahnhof-Gesellschaft mit dem Büro in seinem Haus in der 'Schwanenburg'. Im Zuge der "Arisierung" und Zwangsenteignung während des Nazionalsozialismus ging das gesamte Schwanenburggelände in den Besitz der Stadt Hannover über. Das Wohnhaus wurde zu einem der fünfzehn so genannten "Judenhäuser" Hannovers, in welche die jüdischen Mitbürger zwangsweise umquartiert wurden. Von dort wurden viele von ihnen in die Vernichtungslager deportiert. Das Ehepaar Rüdenberg durfte für sich nur noch das Schlafzimmer nutzen.

Rüdenbergs Kinder und Enkelkinder konnten noch vor Beginn des zweiten Weltkriegs unter schwierigen Bedingungen nach Südafrika und England emigrieren. Max und Margarethe Rüdenberg aber wurden am 24. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Max, inzwischen 79 Jahre alt, starb zwei Monate nach der dortigen Ankunft, seine "Grete" im September 1943 im Alter von 63 Jahren. Der Schwiegersohn Heinz Rheinhold war von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet worden. Im Juli 1942 wurde er "in den Osten" deportiert, wahrscheinlich nach Auschwitz.

Das Anwesen überstand den zweiten Weltkrieg ohne Zerstörungen und war damit einer der wenigen Plätze, an denen in der Nachkriegszeit schon frühzeitig wieder Kulturveranstaltungen stattfinden konnten. Es war inzwischen auch noch ein Kinobetrieb hinzugekommen, die 'Schwanenburg-Lichtspiele', die im unteren Saal des Konzertgebäudes untergebracht waren. Im großen Saal in der oberen Etage hatte sich zur gleichen Zeit die 'Komödie' als Theater etabliert. Auf dem Spielprogramm stand unter anderem auch "Dr. med. Hiob Pretorius" mit prominenten Schauspielern der städtischen hannoverschen Bühnen wie Fridel Mumme (1920 bis 1972). Am 29. Dezember 1946 gab es "Wie es Euch gefällt" von Shakespeare.

Nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 mit der Umstellung von Reichsmark auf Deutsche Mark hatte das Theater schwer ums Überleben zu kämpfen. Es wurden ja erst einmal Güter des täglichen Bedarfs gekauft, die vorher nicht erhältlich gewesen waren, und da blieb für die Kultur wenig übrig. Überall wurden die Theaterpreise gesenkt, und die Schauspieler waren sich nicht zu schade, wie Vertreter von Haus zu Haus zu gehen und ihre Theaterabonnements anzubieten. Die Gastronomie konnte jedoch ihre frühere Glanzzeit nie mehr wieder erreichen. Das Geld für große Festlichkeiten war nicht mehr da.

Am 1. August 1948 übernahm Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht sein Amt in Hannover. Er hatte große Pläne für den Wiederaufbau Hannovers und bewirkt auch vieles. Später geriet er in die Kritik, weil unter seiner Ägide etliche kulturhistorische Bauten endgültig und unwiederbringlich dem Abriss zum Opfer gefallen waren. Im Hinblick auf den zunehmenden Autoverkehr, den er aus der Stadt heraushalten wollte, veranlasste Hillebrecht vorausschauend die Einrichtung von großzügigen Umgehungsstraßen. Dazu zählte auch der Bau des Westschnellwegs am Lindener Berg vorbei, über den Bereich der 'Schwanenburg' und die Leine hinweg, weiter an Herrenhausen vorbei nach Stöcken.

Damit war das Schicksal der 'Schwanenburg' endgültig besiegelt. Die Gastwirtschaftsgebäude wurden 1960/61 abgerissen, die Straßenführung der Limmerstraße und der anschließenden Wunstorfer Straße geändert. Ein Teil der alten Fabrikgebäude an der Wunstorfer Straße blieb bestehen, wurde im Laufe der Jahre unterschiedlich genutzt oder steht inzwischen leer.

Gleich neben dem Fössebach entstanden 1970 auf dem Grundstück Wunstorfer Straße Nr. 14, das nun dem Land Niedersachsen gehört, Neubauten der Pädagogischen Hochschule für Gewerbelehrer (später Universität Hannover - Institut für Erziehungswissenschaften). Nach dem Jahr 2000 zog die Uni dort wieder aus, das Hochhaus sollte nun das Landeskriminalamt übernehmen. Zugunsten größerer Unterbringungskapazitäten entschied man sich jedoch für einen Neubau auf dem Gelände am Kronsberg.

Was nun mit dem Hochbau geschehen soll, ist ungeklärt. Die meisten noch übrig gebliebenen Fabrikgebäude stehen leer. Es gibt Pläne, dort im Bereich eines großen Parkplatzes neben dem ehemaligen Uni-Gebäude einen Supermarkt entstehen zu lassen. Wer weiß?

Wer sich auf dem Gelände einmal etwas näher umsieht, findet noch ein paar Relikte aus der alten Zeit des Restaurationsbetriebes, eine kleine Grotte etwa oder noch einige wenige stattliche Bäume der früheren Parkanlage. Das größte noch erhaltene Exemplar wurde allerdings im März/April 2008 gefällt. Nachdem im Frühjahr 2009 von engagierten Limmeranern das wuchernde Brombeergestrüpp zurückgeschnitten worden war, trat auch wieder eine Brunnennische an einer Hauswand zutage. Die steinerne Treppe, die von der Wunstorfer Straße in die Gartenanlagen hinunter führt, wurde allerdings erst später bei der Neugestaltung der Gesamtanlage gebaut.

 

Quellen

Limmer Hof- und Hausbesitzer 1550 - 1979, von Horst Kruse

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

Persönliche Erinnerungen von Horst Bohne

Privatarchiv Werner Müller (Limmer)/Florian Lindinger

Archiv der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Nikolai (Limmer)

Wikipedia

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