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von Horst Bohne
Das 'Lindener Berghaus' von Johann Egestorff auf einem Stahlstich um 1850, hinten links die Windmühle aus dem Jahre 1651
[Quelle: Sammlung Jürgen Wessel]
Johann Egestorff, ein entscheidender Wegbereiter der Lindener Industrie, ließ sich 1825 von Georg Ludwig Friedrich Laves auf dem Lindener Berg neben der Windmühle ein Gasthaus erbauen. Unter dem Namen 'Lindener Berghaus' war es bald von reichem gesellschaftlichem Leben erfüllt. Wegen seiner Lage auf dem weithin höchsten Geländepunkt (89 m NN) bot sich von dem aufgesetzten Panoramaturm ein prächtiger Rundblick über Hannover mit seinen Vororten und über das Calenberger Land, bis hin zum Harz mit dem Brocken.
50 Jahre später wurde wegen der steigenden Einwohnerzahl von Hannover an gleicher Stelle ein Hochreservoir der stadt-hannoverschen Wasserwerke für die Trinkwasserversorgung aus der Ricklinger Feldmark gebaut und am 7. November 1878 eingeweiht. Dafür musste das Egestorffsche Berggasthaus weichen. Es wurde 1876 abgerissen.
Als Ersatz entstand nur wenige Meter entfernt auf der anderen Straßenseite - Am Lindener Berge Nr. 38 - ein Neubau. Er war allerdings wegen der Sichteinschränkung durch den großen Wasserhochbehälter nicht mehr ganz so beliebt wie das alte 'Berghaus'. Und das, obwohl auch ihm - wie vorher gegenüber - eine Panoramahaube mit Aussicht nach allen Himmelsrichtungen aufgesetzt worden war. Der Neubau wechselte mehrfach den Besitzer. Um 1915 wurde er von dem Unternehmer August Werner, einem der beiden Gründer der Bettfedernfabrik Werner & Ehlers, der Stadt Linden als 'Werner-Stiftung-Jugendheim' geschenkt.
Das "neue" Berggasthaus nach seiner Umwidmung zum Jugendheim. Die Postkarte stammt wahrscheinlich aus den 1920er Jahren.
[Quelle: Nachlass Werner Krämer]
Heute ist das Haus Am Lindener Berge Nr. 38 sowohl Domizil des Jazzclub Hannover als auch des 'Mittwoch-Theaters'.
[Foto 2009: Horst Bohne]
In der NS-Zeit, von 1933 bis zur Besetzung der Stadt Hannover durch amerikanisches Militär am 10. April 1945, wurde es vom Magistrat als Jugendheim für die Hitler-Jugend (HJ), das Jungvolk („Pimpfe") und den Bund Deutscher Mädel (BDM) zur Verfügung gestellt. Von hier aus sollte noch kurz vor Kriegsende der „Werwolf"-Einsatz für den deutschen Partisanenkampf hinter der aliierten Front organisiert werden. Dazu ist es jedoch Gott sei Dank wegen Kriegsmüdigkeit, Aussichtslosigkeit und mangelnder Einsatzbereitschaft der Jugendlichen nicht mehr gekommen.
Nach dem zweiten Weltkrieg nutzten die neu entstehenden sozialistischen und sozialdemokratischen Jugendbünde die Räume für ihre Treffen und Veranstaltungen.
Dann wurde dort das 'Mittwoch-Theater' eingerichtet. 1966 kam der Jazz Club Hannover hinzu. Letzterer hat - nicht zuletzt unter der Ägide von Michael "Mike" Gehrke, dem Mitbegründer des ersten regelmäßigen Flohmarktes in Deutschland am Hohen Ufer - weltweite Bedeutung erlangt. Der Veranstaltungsort zieht immer wieder berühmte Jazzmusiker aus aller Welt als Gäste nach Hannover. Die Stadt New Orleans hat allen Clubmitgliedern die Ehrenbürgerschaft auf Lebenszeit verliehen. Hannover gilt dort als Jazz-Hauptstadt Deutschlands.
Da der Jazzclub seine Veranstaltungen jeweils am Montag und Freitag - mit entsprechendem „Sound" - durchführte, konnte man dort nicht gleichzeitig Theater spielen. Deshalb verlegte die Theatergruppe, die als eingetragener Verein fungiert und sich neben den Eintrittsgeldern aus Fördermitteln und Spenden diverser Sponsoren finanziert, ihre Aufführungen auf den leiseren Mittwoch; daher kommt der Name 'Mittwoch-Theater'. Die Wochenenden sind meist mit anderen kulturellen Angeboten der Stadt Hannover belegt.
Für die gastronomische Betreung der „Bergsteiger" auf den Lindener Berg bietet sich seit langen Jahren der Biergarten an der ehemaligen Lindener Mühle neben dem Wasserhochbehälter an. Ursprünglich stand dort seit 1392 ein Wart- und Wehrturm für die Stadt Hannover. Im Jahre 1651, kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, wurde dort auf Verfügung von Herzog Georg Wilhelm eine Windmühle errichtet. Sie ist aus Kalkbruchstein gebaut, der aus den Steinbrüchen am Osthang des Lindener Berges stammt. Bis heute konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden, ob es sich bei der Mühle um einen Umbau aus dem alten Wehrturm oder um einen Neubau gehandelt hat.
Die Windmühle auf dem Lindener Berg mit dem Wasserhochbehälter im Hintergrund. Das Originalfoto ist vermutlich um 1910 entstanden. Die Aufnahme fand als colorierte Postkarte Verbreitung - allerdings mit seitenverkehrtem Motiv (hier mit korrekter Ausrichtung).
[Quelle: Sammlung Karl Dörrheide]
Das gastronomische Potential des Standortes hatte schon Johann Egestorff, der alte "Kalkjohann", erkannt. Er pachtete 1824 die Mühle samt der Wirtschaft. Bereits 1818 hatte der damalige Müller die Genehmigung zur Errichtung einer Wirtschaft erhalten. Der Platz dort oben ist einfach zu schön. Eigentlich wollte Johann Egestorff die Mühle abreißen lassen, um die Wirtschaft umzubauen; das wurde ihm jedoch nicht genehmigt (worüber wir heute froh sein können). Deshalb ließ er dann 1825 das eingangs beschriebene 'Berghaus' errichten, das als attraktives Ausflugslokal von den "Städtern" genutzt wurde. 1856 kaufte sein Sohn Georg Egestorff die Mühle, während die Wirtschaft im Eigentum des Vaters verblieb. Ein späterer Eigentümer namens Weber wollte die Mühle 1926 an die Stadt verkaufen, weil er die Kosten für die Renovierung der Windmühlenflügel nicht bezahlen konnte. Seit 1928 wird die Mühle nur noch als Gastwirtschaft genutzt.
Der 'Turmgarten' rund um die alte Windmühle ist der am höchsten gelegene Bier- und Kaffeegarten Hannovers.
[Foto 2009: Horst Bohne]
In den 1980er Jahren gab es Besitzerwechsel, Um- und Anbauten. 1987 wurde der Turm von Herrn Schade als Biergarten saniert und etwa zu dieser Zeit auch der Stadt abgekauft. Nach dessen Tod 1997 führte seine Witwe Ruth von Koschitzky den Betrieb alleine weiter. Da es ihr Ende 2003 zuviel wurde, bot sie Jens Nolte den Turm zur Miete an. Der 'Turmgarten' weist neben einigen Plätzen im Innenbereich einen großen Kaffee- und Biergarten auf. Und wenn auf dem Lindener Berg große Veranstaltungen steigen wie das wiederbelebte „Seifenkistenrennen", oder wenn um Ostern herum das „Blaue Wunder" geschieht, wo der Sibirische Blaustern, die Scilla, weite Flächen des Lindener Bergfriedhofes mit seinen unzähligen blauen Büten füllt, dann ist es schwer, im 'Turmgarten' noch einen freien Platz zu ergattern.
Nun ist der ganze Südostteil des Lindener Berges inzwischen ein riesiges Kleingartengebiet geworden. Das sind die „Lindener Alpen"! Und all die Queckenpropper und Wochenendfarmer haben nach ihrer anstrengenden Gartenarbeit wohlverdienten Durst. Deshalb dürfen auch die beiden „Quellen" nicht unerwähnt bleiben, die diesem Teil der werktätigen Bevölkerung, aber auch den Bergwanderern Labung anbieten. Es sind dies die beiden Kleingarten-Vereinsgaststätten 'Lindener Alpen' und 'Ernst-Winter-Heim', die nach Wanderung, Spaziergang oder Kleingartenarbeit Stärkung und Erfrischung bieten. Zusätzlich findet man auch noch unterhalb des Wasserhochbehälters eine Einkehrmöglichkeit beim Vereinsheim des Lindener Traditionsvereins 'Linden 07'.
Das Vereinsheim des Kleingartenvereins 'Lindener Alpen'
[Foto 2009: Horst Bohne]
Die Vereinsgaststätte am Stadioneingang von 'Linden 07'
[Foto 2009: Horst Bohne]
Und wer sich noch ausführlicher über den Lindener Berg, seine geschichtlichen Hintergründe und die aktuellen Aktivitäten informieren möchte, für den gibt es im historischen Küchengartenpavillon auf dem Lindener Bergfriedhof diverse hochinteressante Broschüren des Vereins Quartier e.V. (www.quartier-ev.de). Die Lektüre lohnt sich wirklich!
Quellen
de.wikipedia.org/wiki/Lindner_Berg
Quartier e.V./Lindener Gipfeltreffen: Rundgänge (Heft 1)
Mündliche Informationen von Jens Nolte
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