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 Familien Hermann Blumenthal und Hans NeumannStandort anzeigenVisitenkarteDeisterstraße 9 30449 Hannover  Alle Kontaktdaten »

Informationen

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Familien Hermann Blumenthal und Hans Neumann
Branchen/Rubriken: Soziales, Handel, Baudenkmäler

Anschrift:

Deisterstraße 9
30449 Hannover

Beschreibung:

Hermann Blumenthal und sein Schwiegersohn Hans Neumann waren die Inhaber des 'Baby-Bazar' in der Deisterstraße Nr. 9. Das Geschäft wurde im Jahre 1893 als 'Baby-Spezialgeschäft' von August Blumenthal gegründet. Das Sortiment bestand aus Kinderbekleidung, Kinder- und Sportwagen, Puppenwagen, Kinderbetten und -matratzen.

Deisterstr-9_Wessel_1907Das Haus Deisterstraße Nr. 9 auf einer Postkarte von 1907. Die beiden linken Schaufenster gehören zum 'Baby-Bazar'.

[Quelle: Sammlung Jürgen Wessel]

Hermann Blumenthal wurde am 14. April 1866 in Mahlerten (Kreis Gronau, heute Landkreis Hildesheim) geboren. Mit seiner Ehefrau Ella, ebenfalls eine geborene Blumenthal (* 4. April 1870), hatte er zwei Töchter mit Namen Hedwig und Erna. Beide Töchter arbeiteten bereits im Alter von 16, 17 Jahren im elterlichen Geschäft mit. Von 1910 bis etwa 1922 gab es eine Filiale des 'Baby-Bazar' im Engelbosteler Damm Nr. 21 (Hannover-Nordstadt). Dort waren hauptsächlich Ella Blumenthal und Tochter Erna tätig, während Hedwig ihren Vater Hermann im Geschäft in Linden unterstützte.

 Hermann Blumenthal_Wessel_1907Ausschnittvergrößerung aus der Postkarte von 1907: Der Mann in der Mitte ist wahrscheinlich Hermann Blumenthal (siehe Kreis). Über dem rechten Schaufenster ist noch schwach der Schriftzug "August Blumenthal" zu erkennen.

[Quelle: Sammlung Jürgen Wessel]

Erna Blumenthal, nun verheiratete Daevessen, siedelte 1920 nach Frankfurt/Main über. Hedwig Blumenthal ging die Ehe mit Hans Neumann (* 6. April 1886 in Berlin) ein. Am 15. Dezember 1923 verstarb Ella Blumenthal, die Ehefrau von Hermann, im Alter von 53 Jahren. Hermann Blumenthal nahm den Schwiegersohn Hans Neumann als Teilhaber in das Geschäft auf. Privat wohnten beide Familien in der Falkenstraße Nr. 1, schräg gegenüber von ihrem Geschäft.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde der 'Baby-Bazar' von Nazi-Schlägern verwüstet. Der seinerzeitige Eigentümer des Hauses Deisterstraße Nr. 9, Dr. W. Stichweh, hat in einer späteren Zeugenaussage am 18. Juni 1956 den Zustand wie folgt beschrieben:

Der Laden ist in der 'Kristallnacht' völlig demoliert. Die Schaufensterscheiben sind zerschlagen und der Laden auch im Innern völlig verwüstet. Ich bin am Morgen nach der Zerstörung (...) in dem Laden gewesen. Die Kleidungsstücke lagen mit Trümmern, Dreck und Glassplittern vermengt auf dem Fußboden. Außer den Schaufenstern und der Tür waren auch die Glasschränke zerschlagen.

Hermann Blumenthal und Hans Neumann wurden beide in der Pogromnacht in sog. "Schutzhaft" genommen. Während Hans Neumann offenbar kurz darauf wieder frei kam, wurde der 72-jährige Hermann Blumenthal vom Polizeigefängnis Hannover in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt (Zugangsliste Buchenwald: 23619). Nach einem Monat in Haft wurde er von dort am 10. Dezember 1938 entlassen. Nur wenige Tage später, am 19. Dezember 1938, verstarb Hermann Blumenthal im Ricklinger Krankenhaus an den Folgen der Haft. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof 'An der Strangriede' (Hannover-Nordstadt) beerdigt.

Blumenthalgrab_Jürging_2011Grabstätte des Ehepaares Hermann und Ella Blumenthal auf dem jüdischen Friedhof 'An der Strangriede' (Hannover-Nordstadt)

[Foto 2011: Michael Jürging]

Unklar ist, warum für Hermann Blumenthal im Polizeigefängnis Hannover die Adresse Sedanstraße Nr. 35 notiert wurde. Unter dieser Anschrift wohnte seinerzeit ein Namensvetter, der Kaufmann Walter Blumenthal mit seiner Familie; sie waren erst wenige Monate zuvor aus Hoya nach Hannover umgesiedelt. Auch Walter Blumenthal wurde während des Novemberpogroms verhaftet. Sein Name findet sich auf der "Liste der von der Stapo eingelieferten Juden" unter der Nr. 14, nur zwei Nummern hinter Hermann Blumenthal (Nr. 12). Hans Neumann ist unter der Nr. 71 erst in der dritten von insgesamt vier Teillisten (mit fortlaufender Nummerierung der Häftlinge) verzeichnet. Das Schicksal der Familie Walter Blumenthal ist durch den Bericht der überlebenden Tochter Marion Blumenthal Lazan in dem Buch "Four Perfect Pebbles" ("Vier kleine Kiesel" in der deutschen Übersetzung von Heike Mallus-Huth) dokumentiert. Weder bei unseren Recherchen noch bei einer Nachfrage von Heike Mallus-Huth bei Marion Blumenthal Lazan haben sich Anhaltspunkte für eine Verbindung zwischen Hermann und Walter Blumenthal ergeben. Wir gehen deshalb davon aus, dass die gleichlautende Adressangabe "Sedanstr. 35" in der Liste des Polizeigefängnisses Hannover auf einer fehlerhaften Eintragung beruht.

Hans und Hedwig Neumann konnten nach dem Novemberpogrom den 'Baby-Bazar' nicht weiter betreiben. Per Annonce suchten sie einen Käufer. Daraufhin meldete sich der Kaufmann Rudolf Jacobs und übernahm das Geschäft unter dem neuen Namen 'Alles fürs Kind'.

Privat bemühten sich Hans und Hedwig Neumann nach dem Tod des Schwiegervaters bzw. Vaters um die Auswanderung aus Deutschland. Über Zeitungsannoncen verkauften sie nach und nach Hausrat und Mobiliar für wenig Geld an private Interessenten. Die zogen es vor, den jüdischen Verkäufern ihre Namen tunlichst zu verschweigen. Ende März 1939 verließ die Familie Neumann Linden, zog zunächst in die Goethestraße Nr. 15 und drei Monate später in die Wissmannstraße Nr. 13.

Immerhin gelang es Hans und Hedwig Neumann zunächst einmal, ihr einziges Kind, die 11-jährige Tochter Ellen (* 28. Oktober 1927), mit einem Kindertransport nach England am 13. Juli 1939 in Sicherheit zu bringen. Die Eltern selbst konnten Deutschland erst Anfang August 1941 mit dem Ziel USA verlassen. Dort angekommen, änderten sie ihre Namen in Hans und Heddy Newman.

Die Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten in Hannover arbeitete nach der Auswanderung mit Akribie daran, alle in Deutschland etwaig verbliebenen Vermögenswerte wie Bankguthaben, Lebensversicherungen etc. dem Reich einzuverleiben. Auch die Militärrente von monatlich 26,50 RM, die Hans Neumann für eine bleibende Verletzung aus dem ersten Weltkrieg erhielt, wurde gekappt.

Das Haus Deisterstraße Nr. 9 wurde im Oktober 1943 bei einem Bombenagriff völlig zerstört. Das Geschäft 'Alles fürs Kind' von Rudolf Jacobs, also der Nachfolger des 'Baby-Bazar', wurde daraufhin in der Deisterstraße Nr. 5 neu aufgebaut.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und des nationalsozialistischen Regimes bemühte sich Hans Newman von den USA aus um Wiedergutmachung für die Eigentums- und Vermögensverluste seiner Familie. Unterstützt wurde er dabei vom United Restitution Office, das in Hannover eine Depandance in der Kaulbachstraße Nr. 23 unterhielt. Unter anderem strengte er einen Prozess gegen die Witwe Gertrud Jacobs an, weil er den 'Baby-Bazar' an deren Ehemann Rudolf Jacobs (gefallen am 17. April 1945) deutlich unter Schätzwert hatte verkaufen müssen. Der Rechtsstreit endete 1954 mit einem Vergleich vor dem Landgericht Hannover.

Hans und Heddy Newman lebten in den USA offensichtlich in bescheidensten Verhältnissen, denn im Mai 1957 wurde Hans Newman in einer laufenden Berufungsverhandlung gegen das Land Niedersachsen vom Oberlandesgericht Celle das Armenrecht bewilligt und der Rechtsanwalt Dr. Jaeger als Armenanwalt beigeordnet. In dem Verfahren wurden mehrere Zeugen zum Zustand des 'Baby-Bazars' vor und nach dem Novemberpogrom 1938 gehört, darunter die Witwe Gertrud Jacobs, deren Ehemann Rudolf den Laden aufgekauft hatte, die frühere Angestellte Irma Bock, die seit 1934 in dem Geschäft tätig gewesen war und anschließend auch für Rudolf Jacobs gearbeitet hatte, sowie Erna Daevessen in Frankfurt/Main, die Schwester von Heddy Newman.

Der Gesundheitszustand von Hans Newman verschlechterte sich derweil zusehens. In ärztlichen Gutachten und Gegengutachten ging es nun auch um die Frage, ob und inwieweit die Krankheit auf die erlittene Verfolgung während des Nationalsozialismus zurückzuführen und damit zu entschädigen sei. Die Rechtsstreitigkeiten waren noch nicht zu einem Ende gekommen, als Hans Newman am 9. April 1967 nach schwerer Krankheit starb.

Seine Witwe Heddy Newman, die Tochter von Hermann Blumenthal, setzte das Entschädigungsersuchen ihres Ehemannes fort. Sie erhielt letztlich eine Rente vom Land Niedersachsen. Am 25. September 1982 ist auch sie verstorben. Die Nachricht erhielt das Niedersächsische Landesverwaltungsamt von der Tochter Ellen Goldman - jener Tochter, die im Juli 1939 mit einem Kindertransport nach England verschickt worden war.

Für Hermann Blumenthal wurde am 18. September 2013 von dem Künstler Gunter Demnig ein Stolperstein vor dem (heutigen) Gebäude Falkenstraße Nr. 1 verlegt. Der Lindener Jürgen Wessel hatte die Verlegung bei der Landeshauptstadt Hannover beantragt und auch die Patenschaft für den Stolperstein übernommen.

 Stolpersteinverlegung Blumenthal_Jürging_2013-09-19Stolpersteinverlegung für Hermann Blumenthal durch den Künstler Gunter Demnig (knieend) am 19. September 2013

[Foto: Michael Jürging]

Stolperstein Blumenthal_Jürging_2013-09-19[Foto: Michael Jürging]

Quellen

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 27.10.2010

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 29.12.2010

Der Novemberpogrom 1938 in Hannover, von Wolf-Dieter Mechler und Carl Philipp Nies, Schriften des Historischen Museums Hannover Nr. 33, 2008

Vier kleine Kiesel, Die Geschichte der Familie Blumenthal aus Hoya, Übersetzung von Heike Mallus-Huth (Herausgeber: Verein Heimatmuseum Grafschaft Hoya e.V.), Titel der Originalausgabe: Four Perfect Pebbles, by Lila Perl and Marion Blumenthal Lazan, 1996

Telefonische Auskunft von Heike Mallus-Huth (Hoya) zu Walter Blumenthal vom 15.04.2011

Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH), Signatur: Hann. 87 Hannover Nr. 258

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/024 Nr. 519

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 820

NLA-HStAH, Signatur: Nds. 110 W Acc. 14/99 Nr. 108478

NLA-HStAH, Signatur: Nds. 110 W Acc. 14/99 Nr. 130718a

Erinnerungskultur Hannover Stolpersteine, 18. September 2013, Kurzinformation: Hermann Blumenthal, verfasst von Dr. Karljosef Kreter, 2 Seiten

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

[Eingestellt am 23.01.2011; zuletzt geändert am 20.09.2013]