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 Familie Adolf und Gertrud SockStandort anzeigenVisitenkarteSchwarzer Bär 8 30449 Hannover  Alle Kontaktdaten »

Informationen

Für die folgenden Inhalte ist die/der oben genannte Firma/Institution/Gemeinschaft/Verein verantwortlich.

Familie Adolf und Gertrud Sock
Branchen/Rubriken: Soziales

Anschrift:

Schwarzer Bär 8
30449 Hannover

Beschreibung:

Der Apotheker Adolf Sock (*26. März 1884) und seine Ehefrau Gertrud, geb. Wegner (* 12. Dezember 1893), stammten beide aus der Stadt Zerkow im Südosten der preußischen Provinz Posen. Die Region gehört heute zu Polen. Die Kinder Marianne (* 23. Januar 1921) und Hans (* 21. Juli 1925) wurden beide in Hannover geboren. Als Gertrud Sock mit dem zweiten Kind hochschwanger war, zog die Familie Anfang Juli 1925 in die Minister-Stüve-Straße Nr. 4.

Hanomagtreffen_Golletz_1928Fahrzeugparade des Lindener Motorrad- und Automobil-Clubs am Schwarzen Bären. Auf dem Foto vom 4. März 1928 ist ganz links die Drogerie von Adolf Sock zu erkennen.

[Foto: Privatbesitz Markus Golletz]

Drogerie Sock_Golletz_1928Ausschnittvergrößerung mit dem Schaufenster der 'Drogerie Schwarzer Bär'

[Foto: Privatbesitz Markus Golletz]
Gleich um die Ecke, im Jugendstilgebäude mit der Adresse Deisterstraße Nr. 8, besaß Adolf Sock die 'Drogerie Schwarzer Bär'. Das Hauptgeschäft befand sich jedoch in der Steintorstraße Nr. 22/Ecke Georgstraße (Hannover-Mitte) und trug die - nach heutigem Verständnis ungewohnte - Bezeichnung 'Central-Drogenhandlung A. Sock'. Ab 1933 konzentrierte sich Adolf Sock ganz auf das Geschäft im Stadtzentrum und gab die Zweigstelle am Schwarzen Bären auf.

So wie andere jüdische Geschäftsleute auch, deren Schicksal wir im Rahmen dieser Tour dokumentieren, ist Adolf Sock mit seiner 'Central-Drogerie' in der antisemitischen Liste "Juden in Hannover" aufgeführt, die 1935 von Heinz Siegmann herausgegeben wurde. (Nähere Informationen zu dieser Liste beinhaltet der Beitrag über die Familie Gertrud und Max Palmbaum.) Was sich hier zunächst als Denunziation und Boykott jüdischer Geschäfte andeutete, fand am 9./10. November 1938 in der Reichspogromnacht seine gewaltsame Fortsetzung. Das Geschäft in der Steintorstraße Nr. 22 wurde schwer beschädigt, die Waren abtransportiert und bei der Nationalsozialistischen Volksfürsorge (NSV) eingelagert. Adolf Sock wurde in sog. "Schutzhaft" genommen und zeitweilig in das hannoversche Polizeigefängnis eingeliefert. Mit der "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben", die am 23. November 1938 - zwei Wochen nach der Pogromnacht - erlassen wurde, war ihm jede Aussicht genommen, die Drogerie weiterführen zu können. Adolf Sock musste sein Geschäft auflösen.

Noch im Dezember 1938 bemühte er sich um eine Auswanderung mit seiner Familie nach Uruguay in Südamerika. Das erwies sich jedoch in mehrfacher Hinsicht als schwierig. Die deutschen Behörden bestanden darauf, dass Adolf Sock zunächst seine Geschäftsschulden in Höhe von rund 2.300 RM begleichen müsse. Die waren als unmittelbare Folge der Zerstörung, Plünderung und Auflösung der Drogerie in der Steintorstraße entstanden. Adolf Sock wurde genötigt, das Einsetzen einer neuen Schaufensterscheibe selbst zu bezahlen; und er war seinen Lieferanten das Geld für Waren schuldig, die ihm in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geraubt und zur NSV abtransportiert worden waren.

Aus nahe liegenden Gründen waren direkte Verhandlungen mit der NSV auf eine Herausgabe des Warenlagers nicht möglich. Deshalb wurde als Vermittler die Fachgruppe 'Gesundheits- und Körperpflege, chemische, optische und chirurgische Artikel' der 'Wirtschaftsgruppe Einzelhandel' eingeschaltet - auf wessen Initiative, ist aus den archivierten Akten (siehe Quellenverzeichnis) nicht ersichtlich. Die zuständige Bezirksfachgruppe hatte ihren Sitz in Limmer in der Wunstorfer Straße Nr. 23. Ihr Leiter war Ludwig Saller, der sich im Schriftverkehr mit dem Oberfinanzpräsidium Hannover als "Pg." (Parteigenosse), also als NSDAP-Mitglied namentlich kennzeichnete. In einem Protokoll zur "Schätzung und Freigabe des bei [der] NSV sichergestellten Warenlager[s] des Adolf Israel Sock vom 27.3.1939" wird der Warenwert mit 212 RM angegeben. Bei dem Termin waren anwesend:

- der Bezirksfachgruppenleiter der 'Wirtschaftsgruppe Einzelhandel' Ludwig Saller,
- der Sachverständige der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover Hermann Haase - im Übrigen ebenfalls "Pg." - als Taxator,
- der Fachdrogist Arnold Kord-Lütgert als Protokollführer,
- der Vertreter der NSV Walter Menke,
- Adolf Sock als ehemaliger Geschäftsinhaber.

Das Protokoll wurde von allen Anwesenden unterzeichnet - außer von Adolf Sock. Letzterer teilte dem Oberfinanzpräsidium Hannover am 6. April 1939 mit, dass die NSV das Warenlager für 200 RM übernommen habe.

Um die noch verbliebenen Geschäftsschulden zu tilgen und gleichzeitig die Auswanderung aus Deutschland zu finanzieren, setzte Adolf Sock auch den Rückkaufwert seiner Lebensversicherung in Höhe von 1.685 RM ein. Zusätzlich nahm seine Ehefrau Gertrud eine private Hypothek bei der Witwe Ottilie Breslauer auf. Inzwischen drängte die Zeit, denn die Wohnung in der Minister-Stüve-Straße Nr. 4 war zum 1. März 1939 gekündigt. Die Genehmigung zur Auswanderung verzögerte sich aber weiter, und so musste die Familie Sock übergangsweise in der Königstraße Nr. 5 (Hannover-Mitte) Quartier nehmen.

Am 12. April 1939 siedelten die beiden Kinder nach Ahlem über, das damals noch nicht zur Stadt, sondern zum Kreis Hannover gehörte. Wahrscheinlich fanden sie dort in der Israelitischen Gartenbauschule Unterkunft, wo die 18-jährige Marianne bereits seit knapp zwei Monaten Haushaltungsschülerin war. Der 14-jährige Hans begann am 14. April als Gärtnereischüler mit der Ausbildung.

Ende Mai 1939 konnte die gesamte Familie Sock schließlich nach Belgien auswandern. Die Geschwister Marianne und Hans wurden am 23. Mai nach Antwerpen abgemeldet. Die Eltern Adolf und Gertrud Sock folgten am 31. Mai mit dem Ziel Brüssel.

Die Akten der deutschen Finanzbehörden wurden damit aber noch nicht geschlossen. Zum einen ermittelte die Devisen-Straf- und Rechtsabteilung des Oberfinanzpräsidiums Hannover in einer nicht näher benannten Angelegenheit gegen Adolf Sock. Es kann sich allerdings nicht um eine Sache von Bedeutung gehandelt haben, denn sonst wäre die Auswanderung nach Belgien Ende Mai 1939 unterbunden worden. Die Akte mit der Laufzeit "26.1. - 7.9.39" enthält nur zwei kleine Notizzettel und endet mit dem lapidaren Satz: "Der Jude Sock ist bereits ausgewandert."

Für Gertrud Sock hat das Oberfinanzpräsidium Hannover nach der Auswanderung noch eine neue Akte angelegt, als sich herausstellte, dass die privat aufgenommene Hypothek noch nicht oder zumindest nicht vollständig abgetragen worden war. Die Gläubigerin Ottilie Breslauer war zwar inzwischen verstorben; aber ihre Erben hatten die Hypothekenforderung an eine Frau in Berlin-Oberschönweide abgetreten, deren Anwalt 1939/40 der Sache von Berlin aus nachging. Das Oberfinanzpräsidium Hannover scheint der Angelegenheit kein großes Gewicht beigemessen zu haben. Zumindest liefert die archivierte Akte keine Hinweise darauf. Sie beinhaltet aber noch ein Schriftstück, das einen Anhaltspunkt für das weitere Schicksal der Familie Sock und ihr tragisches Ende liefert.

Am 22. April 1943 wandte sich der Militärverwaltungschef des (deutschen) Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich mit einem Formularschreiben an das Oberfinanzpräsidium Hannover:

Betr.: Verfall des Vermögens von Juden zu Gunsten des Deutschen Reiches.
Bisheriger Berechtigter: Gertrude[,] Marianne et Hans Sock, Brüssel quai des Charbounages 74, früher Hannover Königstr. 5

In dem Schreiben der Militärverwaltung wird mitgeteilt, dass jetzt die 'Treuhandgesellschaft S.P.R.L.' in Brüssel für die "Verwaltung und Verwertung der dem Reich verfallenen Vermögenswerte" zuständig sei und angewiesen wurde, mit dem Oberfinanzpräsidium Hannover "Fühlung zu halten und zu gegebener Zeit Rechnung zu legen."

Das Schreiben lässt erahnen, dass die Familie Sock nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien im Mai 1940 erneut der Verfolgung preisgegeben war und schließlich deportiert wurde.

Aus den Unterlagen der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem geht hervor, dass Gertrud, Marianne und Hans Sock am 25. August 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz abtransportiert worden waren. Gertrud Sock wurde dort am 14. September 1942 in der Gaskammer ermordet. Ihre 21-jährige Tochter Marianne wurde eine Woche später, am 20. September 1942 auf dieselbe Weise umgebracht. Der Sohn Hans Sock starb wahrscheinlich im Jahr 1944, also im Alter von 18 oder 19 Jahren in der Gaskammer. Über den Vater Adolf Sock gibt es keine gesicherten Angaben, ob er von Belgien ebenfalls direkt in das KZ Auschwitz oder zunächst in das KZ Bergen-Belsen deportiert wurde. Die vorliegenden Hinweise deuten darauf hin, dass auch er wie seine Ehefrau und die beiden Kinder in Auschwitz ermordet wurde.

Stolpersteine-Familie-Sock_Sperlich-Bernd_2015-11-20Stolpersteine für Familie Sock vor der Minister-Stüve-Straße Nr. 4

[Foto: Bernd Sperlich]
Am 20. November 2015 wurden von dem Künstler Gunter Demnig vor dem (heutigen) Haus Minister-Stüve-Straße Nr. 4 - das vormalige Gebäude ist bei einem Bombenangriff im zweiten Weltkrieg zerstört worden - vier Stolpersteine für Adolf, Gertrud, Marianne und Hans Sock verlegt. Der Heimatforscher Bernd Sperlich (Hannover-Bothfeld) hat die Zeremonie dokumentiert und einen bebilderten Bericht geschrieben.

Quellen

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilungen von Marlis Buchholz per e-mail vom 13.01.2011 und 26.02.2011 (inkl. Datenblätter der Gedenkstätte Yad Vashem)

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 22.01.2011

Der Novemberpogrom 1938 in Hannover, von Wolf-Dieter Mechler und Carl Philipp Nies, Schriften des Historischen Museums Hannover Nr. 33, 2008

Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH), Signatur: Hann. 87 Hannover Nr. 258

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/024 Nr. 281

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 968

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 969

Juden in Hannover, Nach eigenen Unterlagen bearbeitet, zusammengestellt und herausgegeben von Heinz Siegmann, Sieg-Verlag Heinz Siegmann, Hannover 1935

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

http://www.myheimat.de/hannover-mitte/kultur/neue-stolpersteine-in-hannover-d2725558.html